Medizintourismus (Medical Tourism) in der Schweiz

Medizintourismus (Medical Tourism) in der Schweiz

Definition des Medizintourismus:

„Als Medizintourismus bezeichnet man die gezielte Inanspruchnahme ärztlicher Behandlungen und Operationen im Ausland, wobei der Aufenthalt im Zielland i.d.R. die Dauer eines Urlaubs nicht übersteigt. In grösseren Staaten spricht man auch dann von Medizintourismus, wenn man zu einer Behandlung in weiter entfernte Regionen des eigenen Landes reist“ (Jelinek, S. 241).

Wo liegt der Unterschied zu Gesundheitstourismus und Wellnesstourismus?

Der Gesundheitstourismus beinhaltet einen Aufenthalt in einem Kurhaus oder einer Wellnessanlage innerhalb oder ausserhalb des Landes. In erster Linie geht es im Gesundheitstourismus nicht um die Behandlung einer akuten Erkrankung, sondern um Prävention, Rehabilitation nach Unfällen oder die Behandlung chronischer Krankheiten wie Asthma oder Rheuma. (Jelinek, S. 241)

Wellnesstourismus gehört in die Kategorie des Gesundheitstourismus und ist eine Urlaubsform die Gesundheit, Erholung und Genuss miteinander verbindet.  (Jelinek, S. 241)

Medizintourismus – Situation in der Schweiz

Medizintourismus auch bekannt aus dem Englischen als Medical Tourism ist ein wachsender Tourismuszweig. Schätzungen aus einer im Jahre 2007 veröffentlichten Studie des National Center for Policy Analysis zufolge, lagen die weltweiten Einnahmen im Jahre 2004 im Medizintourismus bei 40 Milliarden US-Dollar und bis 2012 ging man von Einnahmen von 100 Milliarden US-Dollar aus. (Herrick, 2007, S. 1) Die Schweiz ist hinsichtlich des Trends zum Medizintourismus gegenüber anderen Ländern im Verzug. So haben Spezial- und Universitätskliniken aus Amerika, Grossbritannien, Deutschland, Thailand oder Singapur die Entwicklung hin zum „Medical Tourism“ frühzeitig erkannt und sich dementsprechend auf die ausländische Kundschaft eingestellt. Die internationale Konkurrenz hat Erfahrung, eine ausgezeichnete Reputation und gute Verbindungen. Als Beispiel für gute Beziehungen zu anderen Märkten gilt Grossbritannien, die als frühere Kolonialherrschaft zuverlässige Verbindungen zum asiatischen, bzw. indischen Markt hat. (Cathomas & Arendt, 2009, S. 1769)

Die Schweiz braucht sich vor der internationalen Konkurrenz jedoch nicht zu verstecken. Denn auch sie hat ihre Qualitäten. Sie verfügt über:

v  Tradition, Ansehen eine hohe Glaubwürdigkeit und ein ausgezeichnetes Gesundheitssystem.

v  Renommierte Kinderärzte, Fachärzte für innere Krankheiten und Chirurgen.

v  Universitätskliniken mit hochrangigen Medizinern in den verschiedensten Gebieten.

Zudem ist die Schweiz neutral, hat einen hohen Lebensstandard und ihre Produkte sind von hoher Qualität, was das Ansehen des Landes nach aussen enorm stärkt. Des Weiteren kommt der Schweiz die zentrale Lage inmitten von Europa zugute, ebenso wie die gute Infrastruktur (Hotels, Flughäfen, Strassen, Spitäler etc.). (Cathomas & Arendt, 2009, S. 1769)

Insbesondere in Westschweizer Kliniken werden heute Patienten aus dem ehemaligen Ostblock und dem Mittleren Osten behandelt. Die Hauptgründe dafür liegen in den fortschrittlichen Behandlungsmethoden und in der hohen Qualität der Behandlungen. In der Deutschschweiz lassen sich viele ausländische Gäste im Universitätsspital Basel oder im „Double Check“ behandeln. (Cathomas & Arendt, 2009, S. 1768)

Double Check

Double Check ist ein medizinisches Zentrum das sich auf Nachuntersuchungen, Ganzkörperchecks und die Vergabe von Zweitmeinungen spezialisiert hat. Untersuchungen werden in kleinem Rahmen durchgeführt was dem Kunden einen Mehrwert gegenüber einem grossen Spital bringt. Zu den Partnerkliniken von Double Check gehören unter anderem die Hirslanden Klinik, die Privatklinik Bethanien und das Universitätsspital Zürich. Double Check arbeitet eng mit den Ärzten und Professoren dieser Kliniken zusammen. (o.A. Double Check)

Bekanntlich herrscht in der Schweiz eine medizinische Überversorgung. Mit circa 350 Akutspitälern und 7.5 Millionen Einwohnern hat die Schweiz im globalen Vergleich eine der höchsten Spitaldichten. Mit einem Ausbau des Medizintourismus könnten diverse Spitäler in der Schweiz ihre Auslastung erhöhen, neue Arbeitsplätze schaffen und profitable Einnahmequellen generieren. Zudem können die Einnahmen aus dem Medical Tourismus dazu genutzt werden die immer weiter steigenden Gesundheitskosten zu senken (10,6% des Bruttosozialprodukts zur Versorgung in der Schweiz) und das Gesundheitswesen der Schweiz mitzufinanzieren. Um im internationalen Mark mithalten zu können müssen die Spitäler in der Schweiz jedoch Flexibler werden und ihre Service- und Kundenorientierung verbessern. Wichtig ist jedoch auch das trotz der lukrativen Einnahmequellen durch ausländische Medical Touristen, das Angebot für die einheimische Bevölkerung nicht eingeschränkt wird. (Cathomas & Arendt, 2009, S. 1770)

Zu Abbildung 1: 95% der analysierten 200 Patienten kamen bereits mit einer Vordiagnose ins „Double Check“. Viele ausländische Patienten suchen das „Double Check“ auf um sich eine Zweitmeinung bei bestehenden medizinischen Problemen einzuholen.

Anzahl Diagnosen

http://www.saez.ch/docs/saez/archiv/fr/2009/2009-45/2009-45-923.PDF

Zu Abbildung 2: Bei Ankunft in der Schweiz weisen 53% der Patienten schon 1-2 Vordiagnosen auf. Nur gerade 6% kommen für Vorsorgeuntersuchungen in die Schweiz.

Anzahl Diagnosen_Prozent

http://www.saez.ch/docs/saez/archiv/fr/2009/2009-45/2009-45-923.PDF

Zu Abbildung 3: Der grösste Anteil de 200 Patienten stammt aus Russland.

Herkunftsregionen

http://www.saez.ch/docs/saez/archiv/fr/2009/2009-45/2009-45-923.PDF

Geografische Verteilung

http://www.saez.ch/docs/saez/archiv/fr/2009/2009-45/2009-45-923.PDF

Chancen für die Tourismusbranche

Euromonitor International, ein unabhängiges Unternehmen das sich auf die Forschung des Konsumentenmarkts spezialisiert hat (o.A. Euromonitor International), geht davon aus, dass der Umsatz im Medizintourismus in der Schweiz im Jahre 2011 um 20% auf eine Milliarde gestiegen ist. (Douez, 2012) Diese Wachstumsrate ist nicht nur für die medizinische Branche erfreulich. Auch der Tourismus kann von diesem Boom profitieren. Denn oftmals kennen die Medizintouristen die Zieldestination wenig bis gar nicht und sind daher auf Hilfe angewiesen. Dafür benötig es speziell ausgebildete Vermittler, die sich sowohl mit dem Schweizer Gesundheitswesen, dem Tourismusmarkt und den kulturellen Gegebenheiten des Gastes auskennen. Denn oftmals reisen die Patienten nicht alleine, sondern in Begleitung von Verwandten, Bekannten oder Freunden. Die Angehörigen brauchen für die Dauer der Behandlung eine Unterkunft und sie wollen Unterhalten werden.

Medizintourismus

Literaturverzeichnis

Cathomas, G., & Arendt, R. (2009). Global Medicine als Chance für die Schweiz? Abgerufen am 10. Dezember 2012 von SÄZ BMS – Schweizerische Ärztezeitung: http://www.saez.ch/docs/saez/archiv/de/2009/2009-45/2009-45-923.PDF

Douez, S. (6. März 2012). Schweizer Qualität stimuliert auch Medizintourismus. Abgerufen am 11. Dezember 2012 von swissinfo.ch: http://www.swissinfo.ch/ger/gesellschaft/Schweizer_Qualitaet_stimuliert_auch_Medizintourismus_.html?cid=32222608

Herrick, D. (November 2007). Medical Tourism: Global Competition in Health Care. Abgerufen am 10. Dezember 2012 von med retreat: http://w.medretreat.com/templates/UserFiles/Documents/Medical%20Tourism%20-%20NCPA%20Report.pdf

Jelinek, T. Kursbuch Reisemedizin – Beratung, Prophylaxe, Reisen mit Erkarankungen. Abgerufen am 10. Dezember 2012 von Google Books: http://books.google.ch/books?hl=de&lr=&id=cGUPJm86-1EC&oi=fnd&pg=PA241&dq=medizintourismus&ots=k6KtrQgcqS&sig=XapuofZVOZ6lVa49IRDJsdQPU28#v=onepage&q=medizintourismus&f=false

o.A. Double Check. Swiss Academic Center for Checkups and Second Opinions. Abgerufen am 10. Dezember 2012 von Doublecheck: http://www.doublecheck.ch/

o.A. Euromonitor International. About us. Abgerufen am 11. Dezember 2012 von Euromonitor International: http://www.euromonitor.com/about-us

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